Historie der Rheinwoche

 

Erzählen wir also von einem Klassiker. Einem Klassiker, der nicht aus Holz, Bronze, Hanf und Leinen gebaut ist, der aber dennoch mit eben so viel Liebe und dem gleichen persönlichen Einsatz gepflegt wird, wie jene schwimmenden Schmuckstücke, deren Benutzung und Erhalt wir uns mit so viel Freude widmen. Und das bereits seit 1922. In jenem Jahr wurde sie erstmals gesegelt, von Andernach bis Emmerich: die Rheinwoche - die älteste, größte und längste Flussregatta Europas, wenn nicht der Welt. Seitdem segeln, mit einer kurzen kriegsbedingten Unterbrechung, jedes Jahr über Pfingsten bis zu 120 Boote den Strom hinab. Schon 1925 wurde die längste jemals gesegelte Rheinwoche von Gernsheim (bei Mainz) bis nach Emmerich gesegelt.

Über die Jahrzehnte hat sich viel geändert. Der Rhein ist schmaler und die Strömung stärker geworden, Schleppzüge und Dampfer sind verschwunden, die meisten Fähren durch Brücken ersetzt und zahlreiche Buchten und Altarme verlandet. Auch kommen Zwischenfälle wie jener aus den 20er Jahren nicht mehr vor, der in einem alten Programm beschrieben wird: „Der Start geriet wegen Vorbeitreibens von Fässern mit Moselwein aus einem durch Anprall an Brückenpfeiler gesunkenen Schleppkahn in Unordnung, da alle Segler mit dem Auffischen derselben beschäftigt waren.“ Zum Sieger gekürt wurde seinerzeit übrigens das Boot mit den meisten Fudern Wein an Bord.

Aus den fünf Segelvereinen am Rhein des Jahres 1922 (Es waren dies der Segelclub Rheingau in Walluf und die traditionsreichen Yachtclubs in Köln, Bonn und Düsseldorf sowie die verbandsfreie Wassersportvereinigung Volmerswerth, der heutige Düsseldorfer Seglerverein) sind heute 20 geworden, die sich zur Regattagemeinschaft Rhein e.V. zusammengeschlossen haben. Reihum organisiert einer der rheinanliegenden Vereine die Rheinwoche, unterstützt von der RGM e.V. und einem tatkräftigen, gut eingespielten Team von selbstlosen Freiwilligen aus den anderen Vereinen.

Statt L-Booten und fast vergessenen Jollenklassen segeln heute H-Boote, Solings, Piraten usw. um das blaue Band für das zeitschnellste Schiff. Dazwischen jedoch sind uns einige bemerkenswerte Klassiker teilweise in zweiter Generation erhalten geblieben, die von auswärtigen, rheinbegeisterten Freundeskreislern an Pfingsten unterstützt werden.

Geblieben ist auch der Rhein als seglerisch und regattataktisch anspruchsvolles, rauhes Revier mit einzigartigem Charme. Wir segeln auf Europas größter Binnenschiffahrtsstraße, deshalb wird gute Seemannschaft hochgehalten. Kein Teilnehmer ohne Anker und Schlepptrosse und im Zweifelsfall auf den Schwertbooten lieber etwas früher reffen und den Spi im Sack lassen.

Da unser Revier zwar gut 1000 km lang aber nur etwa 300 m breit ist und zudem 5-6 km/h Strömung hat, wird bei Regatten kein Dreieck gesegelt und auch nicht up-and-down sondern immer stromab, oder im Schifferlatein: zu Tal. An dieser Stelle sei Vorurteilen vorgebeugt: Ja, man kann auch gegen die Strömung segeln („zu Berg“) und zwar sehr gut.

Die Strecke wechselt jährlich, die einzige Konstante bildet ein rauschendes Fest beim veranstaltenden Verein jeweils am Abend des Pfingstsamstags. Nicht nur die Teilnehmer segeln in ihren Booten von Hafen zu Hafen, auch das Regattabüro, das Gepäck und die Gespanne müssen irgendwie vom Start zum Ziel bewegt und 300 bis 400 Teilnehmer an den Etappenzielen verpflegt werden. Einige wenige schleppen auch heute noch wie Anno 1922 hinter der Berufsschiffahrt zu Berg zum Start und ersparen sich das Nachholen ihres Gespannes.

Das zeitschnellste Schiff über die gesamte Strecke erhält das "Blaue Band vom Rhein". Ansporn genug auch für zahlreiche Auswärtige, die oft weite Anreise auf sich zu nehmen und die Rheinsegler auf ihrem Revier herauszufordern. Und - das sei zugegeben - - regelmäßig sogar erfolgreich.

Das ist die Rheinwoche -  eine Klassikerregatta in jeder Hinsicht.